Hamburg, 27.11.2007: Dubai - das Mekka eines jeden Edel-Proleten. Die Stadt, die unvorstellbar viel Geld zur Verfügung hat, aber architektonisch keinen Stil beweist. Die Stadt, mit den meisten Baukränen auf der Welt. Eine einzige Baustelle. Und trotz des nicht vorhandenen Geschmacks in Sachen Baukunst, haben die Scheichs vor Ort in einem immer die Nase vorn: Auf kaum einem anderen Plätzchen dieser Erde sieht man schönere und exklusivere Automobile als hier.
Grund genug, um zwei besonders teure und seltene Exemplare aus dem Mercedes Konzern zu präsentieren: zu einem den Supersportler McLaren Mercedes SLR 722, zum anderen die Über-Limo Maybach 62S. Das werden ein paar wundervolle Tage.
Besonders der SLR 722 lässt alles in mir kribbeln. Ich bin ja schon mit einigem verwöhnt worden, aber solch exklusive Exemplare, für die zukünftige Besitzer mal eben knapp eine halbe Million Euro berappen müssen, bekommt man eben nicht jeden Tag vorgesetzt. Maybach hin Maybach her, der SLR ist es, der mein Herz höher schlagen lässt.
Doch es kommt natürlich wie es kommen muss. Am ersten Tag wird erst einmal der Maybach 62S präsentiert. Anfangs mache ich es mir hinten gemütlich und lasse mich durch Dubai chauffieren. Doch all der Luxus kann mich nicht ablenken, der SLR schwirrt mir unentwegt durch den Kopf. Und was soll man zum Maybach schon sagen? Ist er groß? Jupp. Ist er schnell? Jupp. Ist er sein Geld wert? Wahrscheinlich. Ok, danke. Ich möchte bitte aus dem Luxus-Bomber aussteigen und in den SLR einsteigen. Biiittttte. Das Flehen hilft nicht. Aber immerhin darf ich jetzt endlich den Nobelhobel selbst durch die Wüstenstraßen von Dubai bewegen. Kaum im Cockpit angelangt, schwebt dem Fahrer das Flair der S-Klasse entgegen. Zwar edel verpackt aber eben doch wiederzuerkennen.
Der vom Haustuner AMG weiterentwickelte Sechs-Liter V12 bringt im 62S 612 Nobel-Poneys zu traben und bringt den schweren Brocken in unglaublichen 5,2 Sekunden von Null auf 100. Das ist wohlgemerkt schneller als ein Porsche Cayman S. Erst bei Tempo 250 ist Schluss mit dem Beschleunigungswahn. Leidenschaftlich gern hätte ich die Drifteigenschaften dieses Riesenmonstrums ausprobiert, doch das blieb mir leider Gottes verwehrt.
Nach ein paar Stunden hat man sich allerdings im Maybach satt gefahren. Es ist und bleibt nun mal eine Chauffeurslimousine, fährt sich trotz der Länge von 6,17 Metern und einem Kampfgewicht von knapp 2,8 Tonnen problemlos wie eine S-Klasse. Selbst Kurven sind nicht nur im Schneckentempo zu bewältigen. Ich komme zu dem Fazit, dass ein 62S eine wirklich gelungene Konstruktion geworden ist. Doch die Reife und Ruhe, um mich entspannt in einem rollenden Wohnzimmer rumkutschieren zu lassen, die hab ich wahrlich noch lange nicht. Ich will endlich den SLR. Doch damit muss ich mich noch bis zum nächsten Tag gedulden.
Aber warum genau reizt mich dieses edle Supergeschoss? Ein Grund ist sicher die nette Geschichte, die sich Mercedes zum SLR 722 hat einfallen lassen: Auf der legendären Mille Miglia absolvierte 1955 die britische Rennfahrerlegende Stirling Moss im 300 SLR einen phänomenalen Vollgassieg. Um 7 Uhr 22 begann die mörderische Fahrt durch Bella Italia. Nach zehn Stunden sieben Minuten und 48 Sekunden und 1600 absolvierten Kilometern durchfuhr Stirling die Ziellinie. Das Durchschnittstempo lag bei selbst für die heutigen Verhältnisse halsbrecherischen 157,62 Sachen. Ein großer Brocken Historie, die die Sonderedition des heutigen SLR zu schlucken hat.
Hier mal ein paar Daten, die den Urinstinkt eines jeden Mannes mit Benzin im Blut wieder zum Vorschein zu bringen. 650 PS bringen den Supersportwagen in 3,6 Sekunden auf 100. Bis Tempo 200 vergehen gerade mal 10,2 Sekunden. Ausruhen darf sich die Tachonadel erst bei nur noch Sonntag-früh-tauglichen 337 km/h. Das sind Daten, die das Herz eines jeden Asphaltinfizierten höher schlagen lassen. All dies wurde im englischen Woking, wo der McLaren haust, weitestgehend in penibler Handarbeit und Know How aus der Formel 1, zu einem Supersportler zusammengebaut. Vollkommen zu Recht darf sich der SLR 722 in die obere Elite um Porsche GT, Lamborghini Murciélago und Ferrari Enzo einordnen lassen. Und heute, nach einem unruhigen Bettwälzer-Schlaf ist es soweit: Der Silberling wird uns erwarten und wir werden wir es ordentlich krachen lassen. Versprochen.
Die Luft ist nicht angenehm zu atmen, es ist brüll-heiß. Schweißperlen laufen mir schon am Ausgang des Hotels über die Stirn. Doch endlich ist es soweit. Ich bekomme den Schlüssel für „meinen“ SLR 722 in die Hand gedrückt. Was für ein Gefühl. Noch ein paar Meter und dann schaut er mich auch schon an - das elegante Coupé. Diese Linienführung … aggressiv und dennoch mit Würde behaftet. Und überall Carbon. Herrlich.
In dezenter Feinarbeit wurde der vordere Abtrieb durch aerodynamische Zusatzkomponenten um 128 Prozent erhöht. Das soll für ein noch intensiveres Fahrgefühl sorgen. Durch den vermehrten Einsatz von Carbon wiegt der Schwaben-Pfeil knapp 45 Kilogramm weniger. Der Diamant ist nun endgültig in Richtung Perfektion geschliffen worden. Ich öffne die Fahrertür, die mit einem leisen Hydraulik-Rauschen nach oben fährt. Kaum Platz genommen in den mit Alcantara und Leder bezogenen Sportschalensitzen schnellt auch schon die Tür zu und der Schlüssel steckt im Zündschloss, der Finger bewegt sich zum knallroten Starterknopf. Countdown, Herzklopfen…3….2….1…..Zündung. Wrooooaaaamm.
Was zur Hölle?... Der V8 meldet sich mit einem brachialen Soundfeuerwerk zum Dienst und lässt das jeden über die direkt hinter den Fronträndern montierten Sidepipes hören. So muss sich ein Supersportler anhören. Das ist die Wahrheit. Und das Beste daran: Ich bin ja noch nicht mal losgefahren. Also dann, ab dafür.
Während ich mich durch den Verkehr auf Dubais Straßen kämpfe, fällt mir die ewig langgezogene Schnauze auf, die nicht enden möchte. Die ersten Kilometer sind da noch relativ gewöhnungsbedürftig, doch man hat sich schnell an die etwas anderen Maße gewöhnt und konzentriert sich wieder voll und ganz auf den Verkehr, der mit seinem Gewusel für die eine oder andere Schweißperle sorgt.
Schließlich wird hier gerade ein auf 150 Stück limitierter und 476.000 Euro teurer Supersportwagen von mir pilotiert. Umso mehr freu ich mich, dass sowohl ich wie auch der SLR dies unbeschadet überstehen und den Weg in Richtung Wüstenstraße antreten können. Allerdings nicht, ohne ein paar Details im Kopf zu haben.
Zum einen werden in Dubai Geschwindigkeitsüberschreitungen eines Normalsterblichen hart geahndet. Die Kunst ist es also, sich nicht dabei erwischen zu lassen. Zum anderen sind manche Straßen einfach nicht mehr verfügbar. Sie enden ohne Ankündigung in einer riesigen Sanddüne, während sich ein paar Meter weiter eine neue Straße drumherum schlängelt.
Echte Herzattacken werden allerdings von diesen kleinen dreckigen und unscheinbaren Asphalterhebungen hervorgerufen. Oft gibt es kilometerweit auf der ganzen Strecke nicht einen dieser Rotzdinger zu sehen und auf einmal, mitten in der Wüste auf einer schnurrgeraden Strecke, passiert es dann. Ab in die Eisen, sonst ist es Essig mit Front und Unterboden.
Aber ich ertrage es nicht … dieses Dahingeschnecke. Also Angstschweiß weggewischt, Fenster auf und ab auf den Boden mit dem Gaspedal. Es ist… brachial. Diese Präzision mit der jede Bewegung des Gaspedals umgehend in Vortrieb umgesetzt wird. Bis zu 820 Nm bei 4000 U/min zaubert der 5,5-Liter-V8 mit Kompressor-Aufladung hervor. Das straffe, perfekt abgestimmte Fahrwerk, das in der 722 Edition nochmal um zehn Millimeter abgesenkt wurde, giert geradezu nach Kurven. Einschließlich der präzisen Lenkung, die dem Fahrer in jeder Kurve ein präzises Feedback gibt. Die Soundkulisse, die hier auf den einsamen Wüstenstraßen erst richtig zur Geltung kommt, hat gefährliches Suchtpotential. Mantafahrer dürfen sich einen neuen Spruch ausdenken. „Boah Ey“ wird jetzt für diesen Flitzer gebraucht.
Die 337 habe ich an diesem Tag nicht erreicht, doch wenigstens die 300 zu knacken, hab ich mir nicht nehmen lassen. Eine Art ausgefahrener Heckspoiler, Air Brake genannt, der sich beim Bremsen im Rückspiegel ankündigt und eine vergrößerte durch Carbon verstärkte Keramik-Scheiben-Bremsanlage sorgen für ein bissiges Einkrallverhalten auf dem Asphalt.
Trotz dieser phänomenalen Werte und dem garantierten Fahrspaß, verhält sich der SLR 722 auch gerne wie ein Gran Tourismo. Alltagstauglich lässt er sich durch den dichtesten Verkehr lotsen und übersteht bei normaler Geschwindigkeit auch die eine oder andere kleine Erhöhung im Asphalt unbeschadet. Den Bordstein sollte man aber dennoch meiden. Auch beim Gepäck lässt der SLR sich nicht lumpen. Mit einem Kofferraumvolumen von 272 Liter lassen sich auch Touren zu zweit in den Urlaub machen, ohne das Gepäck nachschicken zu müssen.
Falls Sie sich jetzt überlegen, die Bank Ihres Vertrauens mit Waffengewalt um ein paar Scheine zu erleichtern oder ihr gesamtes Gehalt in Lottoscheine zu investieren, vergessen Sie es gleich wieder. Um einen Kaufvertrag für dieses Sahnestück brauchen Sie sich nicht mehr zu bemühen. Alle 150 Exemplare sind innerhalb kürzester Zeit in glückliche Hände gegangen. Die Historie des alten SLR ist prächtig, und wer weiß, vielleicht sieht man ja demnächst einen SLR 722 mit einem neuen Rekord. Vor kurzem ist der alte Cannonball Rekord von New York nach Los Angeles mit einem alten BMW M5 geknackt worden. Das will sich doch ein Mercedes nicht gefallen lassen…oder?
Text und Fotos: Mario-Roman Lambrecht
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